DER
SACRO MONTE VON ORTA: EIN SCHREIN REICH AN SCHAETZEN
20 Kapellen,
900 Fresken und 376 Standbildern: eine ausserordentliche Menge
aus polychromem grbranntem Lehm „besiedelt“ die
Kapellen des Bergs von Orta und erzaehlt den gestrigen und heutigen
Glaebigen und Wallfahrern von S. Franziskus von Assisi.
Jede Kapelle von Orta schildert eine Szene aus dem Leben des
Heiligen, von seiner Geburt bis zu seiner Kanonisation.
Dieser Reichtum an Aussichten, dieses vollkommene Gleichgewicht
zwischen Wilden und Heiligen, diese leichte Harmonie unter den
Saeulen, den Staemmen der Baeume, den Hauptgesim und den dunklen
steinernen Daechern sind dort nicht zufaellig. Dieses Einheitswunder
war moeglich dank Cleto aus Castelletto Ticino, einem Architekten
und Kapuziner, der die meisten Kapellen, den koestlichen Brunnen
und die Restauration der Kirche plante. Er zeichnete auch die
viereckige und massive Struktur des alten Klosters (jetzt Privateigentum).
Hier kann der Tourist nach seinem eigenen Rythmus spazieren,
er ist ganz in der Vergangenheit, in einer Dimension auf Mass
getaucht. Der Zauber diese Ortes wird auch von der Landschaft
unterstrichen, in dem er auf eine perfekte Weise eingereiht
ist. Die Pflanzenwelt ist wesentlicher Bestandteil der heiligen
Fahrt, sie fuehrt den Wallfahrer und bietet ihm beschattete
Pausen, damit er sich in Betrachtung versenken kann, und eine
schoene Aussicht auf dem See und der umliegenden Landschaft.
NIETZSCHE
IN ORTA
Kein Gedanktafel
erinnert daran, aber zu den grossen Persoenlichkeiten, die Orta
beherbergt hat, zaehlt einer der bis in unsere Gegenwart bedeutendsten
Philosophen, Friedrich Nietzsche. Vielleicht noch weniger bekannt
ist, dass sein kurzer Aufenthalt hier eine besondere Bedeutung
in seiner Leidensreichen Existenz hatte und zwar, dass sie zu
einem Wendepunkt im Werdeganz seines Denkens wurde.
Anfang Mai 1882 hielt auch die noch junge Lou Salomé,
eine ebenso intelligente mit fascinierend schillerude Frau der
“belle époque”, fuer einige Tage in Orta,
im alten Gasthof “Leon d’Oro”, zusammen mit
ihrer Mutter, dem gemeinsamen Freund Paul Rée und Nietzsche
auf. Nach einem ersten Treffen im April in S. Peter in Rom haben
beide, die junge Russin und der Philosoph, auf ein Beisammensein
gedraengt; in Orta trafen sie sich wieder. In ihrem “Lebensrueckblick”
hat sie von diesem Aufenthalt und einem langen Spaziergang auf
dem Sacro Monte berichtet, der beide die Zeit hat vergessen
lassen im Kuss auf den Stufen zu den Kapellen. Die Mutter und
Freund René jedenfalls warteten ungeduldig auf deren
Rueckkehr zum Abendessen. In ihrem Tagebuch erinnert sie spaeter,
dass Nietzsche ihr bekannt habe: “Sacro Monte, den entzueckendsten
Traum meines Lebens verdanke ich Ihnen”. Und auf die Frage,
ob Nietzsche sie gekuesst habe, hat sie als alte Dame geantwortet:
“Vielleicht”. Das heisst bei einer Dame, wie man
weiss “Ja”.
Sicher war es ein Augenblick ekstatischer Gemeinsamkeit, die
Verliebtheit dauerte nicht laenger als Desillusion und Verzweiflung.
Doch schon im folgenden Januar begann er sein Hauptwerk “Also
sprach Zarathustra”, in dem er einen heroischen, mystischen,
ja geradezu religioesen Asketismus feiert. Gewiss liegt dieser
ploetzlichen Befreiung in seinem philosophischen Denken diese
fuer ihn dramatische Liebeserfahrung zu Gruende, womoeglich
aber auch der Vogelgesang, der Duft, die Bilder einer Abenddaemmerung
in der franziskanisch-mystischen Stimmung des Sacro Monte von
Orta.
Jedenfalls hat er ein Vorwort der ersten Angabe des “Zarathustra”
bemerkt: “In Orta fing es an”.